Religion an beruflichen Schulen...

Stellungnahme zur Kritik von Kurienerzbischof Gänswein am Religionsunterricht in Deutschland

In einem Interview mit der Deutschen Welle (am 20.03.2016) sagte Erzbischof Gänswein aus Rom: „Oft ist es so, dass nach der Schule die jungen Leute von ihrer Religion fast gar nichts wissen und wenn sie nichts wissen, dann können sie auch mit der Religion nichts anfangen, da ist es wichtig, dass man da wirklich Hand anlegt und Abhilfe schafft.“
Mit dieser Äußerung unterstellt Gänswein dem Religionsunterricht zumindest indirekt Schuld daran zu sein, dass die Kirchen immer leerer werden!

Die Äußerung von Erzbischof Gänswein über die Wirkung des Religionsunterrichts in Deutschland weisen wir als undifferenziert zurück.

1.) Der Unterschied zwischen Religionsunterricht und Katechese wird außer Acht gelassen.
2.) Erzbischof Gänswein berücksichtigt nur eine der drei zentralen Herausforderungen des Religionsunterrichts. Diese sind:
1. Vermittlung von strukturiertem und lebensbedeutsamem Grundwissen über den Glauben der Kirche, 2. Vertrautmachen mit Formen gelebten Glaubens, 3. Förderung religiöser Dialog- und Urteilsfähigkeit.
(Quelle: Der Religionsunterricht vor neuen Herausforderungen / Schrift der Deutschen Bischofskonferenz vom 16. Februar 2005)

Seit der Würzburger Synode ist es Ziel des Religionsunterrichts, den Schülerinnen und Schülern mit unterschiedlicher Distanz zum Glauben ein Identifikationsangebot zu machen. Die Wirkung eines solchen Angebots ist nur schwer messbar. "Wer die für einen bildenden Unterricht unverzichtbare Selbsttätigkeit der Schülerinnen und Schüler ernst nimmt, wird bedenken, dass der Zusammenhang von Glaube und Leben zwar durch Unterricht ermöglicht und angeregt, nicht aber planmäßig erreicht werden kann.“ (Der Religionsunterricht vor neuen Herausforderungen, S. 21)

Auf gar keinen Fall führt ein umfangreiches Grundwissen über den Glauben automatisch dazu, dass junge Leute entsprechend viel mit ihrem Glauben anfangen können. Inwieweit der Religionsunterricht Wirkung zeigt, lässt sich weniger an der Häufigkeit des Kirchenbesuchs, sondern eher an der freiwilligen Teilnahme am Bibelwettbewerb "Selfie von Gott" der Stiftung Bibel und Kultur ablesen.

In über 1200 Beiträgen haben sich allein in NRW ca. 10000 Schülerinnen und Schüler aller Schulformen mit ihren Gottesvorstellungen intensiv beschäftigt und diese in Bilder, Texte und andere Ausdrucksformen gebracht. Gänsweins Aussage, dass "die jungen Leute von ihrer Religion fast gar nichts wissen und wenn sie nichts wissen, dann können sie auch mit der Religion nichts anfangen" wird hier an vielen Beispielen widerlegt.

Rudolf Hengesbach
Vorsitzender der Bundeskonferenz der katholischen Religionslehrerverbände